Rezension zu „Der Blick fremder Augen“ von Andrea Sawatzki

blick fremder augen

Autorin: Andrea Sawatzki

Erscheinungsdatum: 01.10.2015

Veröffentlicht bei: Droemer

Genre: Psychothriller

Umfang: 302 Seiten

ISBN: 978-3426281390

Preis: 19,99 €

Mehr Infos hier.

Die Autorin:

Andrea Sawatzki gehört zu den beliebtesten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen, unter anderem bekannt für die Rolle der Tatort-Hauptkommissarin Charlotte Sänger, für die sie von 2001 bis 2009 vor der Kamera stand. Gleich ihr erster Spannungsroman „Ein allzu braves Mädchen“ wurde ein SPIEGEL-Bestseller und begeisterte Kritiker wie Leser. Auch ihre folgenden Bücher, die Familienkomödien „Tief durchatmen, die Familie kommt“ und „Von Erholung war nie die Rede“ eroberten die Bestsellerlisten. Beide Bücher werden für das ZDF verfilmt. Andrea Sawatzki ist mit dem Schauspieler Christian Berkel verheiratet, die beiden haben zwei Söhne und leben in Berlin. Quelle

Klappentext:

Ein Seelendrama, das unter die Haut geht

Die Tote lehnt am Stamm einer Kiefer. Ihr Gesichtsausdruck ist entrückt, die Wimperntusche verschmiert, die Kehle durchtrennt. Kommissarin Melanie Fallersleben hat zunächst kaum verwertbare Spuren, und der Täter wird durch sein scheinbar ganz normales Leben allzu gut verborgen. Auch die folgenden Morde liefern der Ermittlerin keinen echten Hinweis. Doch dann erhält sie eine erste verstörende Botschaft …

Meine Meinung:

Ich habe das Buch gekauft, weil ich die Autorenlesung mit Andrea Sawatzki besucht habe. Den Beitrag dazu findet ihr hier. Die Lesung war unglaublich gut und entsprechend neugierig wurde ich auf das Buch und die ganze Geschichte.

Im Epilog wird eine Joggerin kaltblütig ermordet. Die Tat scheint geplant, einen Hinweis auf den Täter gibt es nicht. Im ersten Kapitel setzt die Geschichte mit Katrin Minkus einige Tage vorher ein. Katrin ist Anfang zwanzig, verheiratet und arbeitet in einer Drogeriefiliale. Ihr Leben scheint auf den ersten Blick eigentlich ziemlich normal, doch der Leser erfährt schnell, dass bei ihr einiges im Argen liegt. Sie ist tablettensüchtig und hat schwerwiegende, psychische Probleme. Die Beziehung zu ihrem Mann hat vor zwei Jahren einen schweren Bruch erlitten – warum, erfährt der Leser Stück für Stück. Und langsam taucht er auch in die ganze ungeheuerliche Geschichte dieser jungen Frau ein. In kurzen Einschüben werden rückblickend Szenen aus Katrins Kindheit erzählt, die schlimmer kaum hätte sein können.
Auf der anderen Seite steht die Kommissarin, Melanie Fallersleben, Anfang fünfzig, frisch geschiedener Neu-Single. Ihr zur Seite steht ihr 30-jähriger Partner Steffen Müller. Die beiden kommen miteinander aus, aber  viel verbindet sie nicht. Müllers Versuche, Melanie in ihrem eintönigen, einsamen Leben positiv zu beeinflussen, wehrt sie stets ab.
Die Geschichte wird in sehr kurzen Kapiteln (meist nur 3 Seiten lang) abwechselnd aus verschiedenen Sichtweisen in der dritten Person erzählt, dabei stets linear fortlaufend. Gedanken und Handlungen werden in kurzen, prägnanten, aber teils auch sehr bildhaften Sätzen erläutert. Dabei wird jede Tat scheinbar minütlich beschrieben, was den knappen Kapiteln leider wieder einiges an Spannung nimmt. Überhaupt fehlte mir beim Lesen die Spannung, das Atem-Anhalten und hastig Weiterblättern-Wollen, wie ich es z. B. von Fitzeks Psychothrillern kenne und liebe.
Sawatzkis Stärke liegt vielmehr in den persönlichen Hintergründen für die Taten. Sie beschäftigt sich ausführlich mit den Auswirkungen eines unverarbeiteten Traumas, das tief in einer gewalttägigen und lieblosen Kindheit verwurzelt liegt. Diese Szenen sind teilweise schwer zu ertragen, weil sie so authentisch beschrieben sind. Beim Lesen hatte ich wirklich einen dicken Kloß im Hals.
Die Kommissarin Melanie Fallersleben empfand ich als sehr angenehm. Mittlerweile wird man ja fast derart von den persönlichen Problemen der Ermittler erschlagen, dass ich Melanies Privatleben als geradezu gewöhnlich empfand – im positiven Sinne. Auch die Nebenfiguren, wie Katrins Mann Bernd und Melanie Fallerslebens Partner Steffen Müller, haben ihre eigenen Geschichten, die aber stets unaufdringlich im Hintergrund bleiben, ohne dabei zu blass zu wirken.
Etwas enttäuscht war ich von der Namenswahl der Protagonisten, die mir sehr lieblos erschien. Steffen Müller – ein 0815-Männername. Es taucht sogar eine Müllerstraße in der Geschichte auf. Oder Katrins Mann Bernd. Welcher Endzwanziger / Anfangdreißiger heißt denn heute noch Bernd? Da musste ich beim Lesen die Stirn runzeln.
Mehr gibt es aber fast nicht zu meckern. Insgesamt konnte mich das Buch überzeugen. Auch an blutigen Szenen mangelt es nicht – wie sich das für einen ordentlichen Thriller gehört.

Hier einige Leseseindrücke:

Kurz schießt Kati ein Bild durch den Kopf. Der tote Vater im Bad, die Augen verdreht, den Kopf im Erbrochenen. Kati neben ihrer Mutter an der Tür. Tränen fließen ihr übers Gesicht, die Mutter schubst sie beiseite und schließt die Tür. (S. 142)

Melanie Fallersleben sieht nicht viel besser aus. Der Alptraum hat sie mitgenommen, sie wird die Bilder nicht los. Außerdem hat sie Kopfschmerzen und ständig ein Pfefferminzbonbon im Mund, obwohl ihr davon morgens schlecht wird. Aber es braucht ja keiner zu merken, dass sie letzte Nacht Alkohol getrunken hat. (S. 154)

Kati wehrt sich nicht. Sie hat in ihrem kurzen Leben eines gelernt: Wenn sie sich wehrt, steigert sich die Wut der Eltern ins Unermessliche. Wenn sie die Strafe stumm über sich ergehen lässt, verlieren sie irgendwann das Interesse. (S. 245)

Für „Der Blick fremder Augen“ vergebe ich 3,5 Sterne.

3_1_2 Sterne
Fazit:

Ein solider Psychothriller, indem die ganze grausame Tragweite einer furchtbaren Kindheit im Mittelpunkt steht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Buch durch einige der beinhalteten Themen vor allem Frauen anspricht. Wer Thriller mit gut ausgearbeiteten, abgrundtief bösen Hintergründen mag und auf atemlose Spannung verzichten kann, sollte hier zugreifen.

2 Gedanken zu “Rezension zu „Der Blick fremder Augen“ von Andrea Sawatzki

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